Vor gut einem Jahr machte der Pianist Sandro Sáez zum ersten Mal mit einer Trio-CD auf sich aufmerksam. No Perspective erschien ohne viel Getöse auf einem kleinen Label und erhielt trotzdem einige bemerkenswerte Reaktionen. So lobte der große Kollege Richie Beirach den „eigenen Spiel- und Improvisationsstil“ von Sandro Sáez und befand, es „klingt, als könne er alles spielen.“ Die Süddeutsche Zeitung begeisterte sich für groovende Miniaturen, die Sáez „in cooler Free-Jazz Abstraktion wieder zerbröseln“ lasse. Das niederländische Magazin Jazz In Europe erklärte Sáez „zu einer unverwechselbaren Stimme in der europäischen Jazzszene.“
Inzwischen hat sich einiges getan. Nach mehreren Wechseln fand Sáez im Lauf des vergangenen Jahres mit Jonas Westergaard endgültig den aus seiner Sicht richtigen Bassisten. Entsprechend versteht er sein Trio nun als eine echte Band, die den Namen OVERSÁEZ trägt. Die weiteren, durchweg musikalischen Entwicklungen der letzten Zeit sind mindestens ebenso markant, sie verleihen dem ersten Werk in der neuen Besetzung Abstract emotions, das am 13.06.2025 bei Boomslang Records erscheint, ein beeindruckendes und herausragendes Format.
„Unser Zusammenspiel, die Kommunikation untereinander und wie wir Ideen ausformulieren, gelingt nun viel konsequenter“, freut sich der 27 Jahre alte Pianist und Komponist. Mit dem Schlagzeuger Nathan Ott arbeitet Sáez schon seit fünf Jahren, entsprechend intuitiv verstehen sich beide selbst in komplexen und freien Momenten, die die Musik reichlich bietet. Der um einige Jahre ältere Westergaard kann seine weitreichende Erfahrung (u.a. bei Dell, Lillinger, Wollny, Daniel Erdmann) in die wandlungsfähige und stilwillige Formation einbringen. Zudem haben auch er und Ott schon eine gemeinsame Basis über Nathan Otts Alben, zuletzt Continuum im März 2025. Beide sind als starke Spieler, gute Zuhörer und sensible bis kraftvolle Begleiter bekannt – Tugenden, die nun auch an Sáez Seite hervorragend zum Tragen kommen.
Sandro Sáez ist, womöglich noch stärker als andere aktuelle Jazzpianisten, von europäischer Klassik und Moderne inspiriert. Diese – und noch einige andere – Einflüsse, darunter Minimalismus, verleihen seinen unkonventionellen Stücken einen innovativen Charakter. „Vor einigen Jahren hatte ich eine Phase, in der ich glaubte, den Jazz hinter mir lassen zu müssen“, erzählt Sáez. „Als ich von Hamburg nach Berlin kam, spürte ich vor allem den Drang, etwas komplett auszukomponieren. Doch dann habe ich in New York erlebt, wie selbstverständlich dortige Jazzmusiker aus gängigen Kontexten ausbrechen, sich nicht auf eine Stilistik festlegen lassen. Das hat meine Perspektive geändert und mir nochmal neue Türen aufgemacht.“
In einer musikalischen Familie in Hamburg aufgewachsen, begann Sandro Sáez als Vierjähriger, in die Tasten zu greifen. Als er Chopin entdeckte, kam der Spaß ins Spiel, mit 14 Jahren drückte ihm sein Vater ein Album von Oscar Peterson in die Hand. Der Altmeister beeindruckte den Nachwuchspianisten nachhaltig, „Peterson wurde für Jahre mein Held.“ Bis heute übt Sáez Klassiker von Bach über Mozart bis Prokofjew und Schönberg, zwischenzeitlich beschäftigte er sich mit der Kirchenorgel, dem französischen Klangfarben-Genie Messiaen und dessen Lehrern. „Das alles hat meine Improvisationen inspiriert, aber auch meine Art zu komponieren.“ Einen Bezug zu Messiaens Vogelgesängen findet sich nun in Rhythmik und Harmonien von „Soothsayajin“, während das Aufmacherstück des Albums „You don’t know until you know“ auf einer Zwölftonleiter basiert.
Die Kompositionen auf Abstract emotions mögen sehr durchdacht, zuweilen ausgefuchst wirken, ihre Hintergründe sind trotzdem vielfach persönlich und emotional. Das eigenwillig strukturierte „You don’t Know…“ reflektiert die Erfahrung, dass eine echte Erkenntnis mitunter erst viel später kommen kann und dann auch noch anders ausfällt als zunächst gedacht. „Abstract emotions“, von fließenden und kreiselnden Motiven geprägt, zielt in eine ähnliche Richtung: hat man bestimmte Gefühle tatsächlich im entscheidenden Moment richtig gedeutet? Einige der jüngeren Stücke sind, mehr oder weniger intensiv, vom Tod seines Vaters mitgeprägt, verrät Sáez. Etwa das relativ ruhige, stellenweise fast impressionistisch angehauchte „For heavens sake“: „die Idee der Reinkarnation finde ich sehr inspirierend.“ Streckenweise filmisch-suggestiv erscheint „Soothsayajin“, der Titel greift mit listigem Humor Wayne Shorters „The Soothsayer“ auf und kombiniert ihn mit einer Anime-Figur.
Eine anfangs noch etwas dunklere Atmosphäre kreiert „Distorted dreams“, später steigt die Spannung, Dynamik und Tempo nehmen zu. In „Paternoster“ vereint Sáez geradezu exemplarisch und mit großer Vorstellungskraft scheinbar sehr unterschiedliche Einflüsse, darunter Ideen eines weiteren Jazz-Impulsgebers, nämlich Anthony Braxton. Das Stück vollzieht eine lange, sich stetig zuspitzende Entwicklung, bis hin zu einer kraftvoll-virtuosen, vielleicht sogar kathartischen Eruption.
Im Lauf einer kleinen Tournee erschloss sich das Trio letztes Jahr die neuen Stücke, im Januar 2025 fanden die Aufnahmen im MPS-Studio statt. Also ausgerechnet dort, wo Sáez’ einstiger Held Oscar Peterson einige seiner Alben einspielte. In einer ruhigen Minute interpretierte Sáez „A Child Is Born“, „in der gleichen Tonart wie Peterson. Das war ein ziemlich krasser Moment, ich fühlte mich, als säße ich in der Aufnahme von damals.“ Sáez wäre zweifellos nicht der erste jüngere Pianist, den das Studio mit seiner großen Geschichte beflügeln konnte. „Wir haben jeweils zwei bis drei Takes von jedem Titel aufgenommen und dabei immer ohne Trennwände zusammengestanden“, beschreibt er die fast Live-ähnliche Situation, die wohl auch einen Anteil an der Intensität des Albums hat.
Mit Abstract emotions präsentiert Sandro Sáez ein beeindruckendes Debüt seines Trios OVERSÁEZ. Die raffinierten, stilistisch offenen Kompositionen zeigen Gestaltungswillen und flirrende Konturen, Sáez Spiel fesselt mit Virtuosität und in die Zukunft weisenden Ideen. So profiliert sich OVERSÁEZ als starke Stimme des aktuellen Avantgarde-Jazz.
Besetzung:
Sandro Sáez: Klavier, Kompositionen
Jonas Westergaard: Bass
Nathan Ott: Schlagzeug
Tourdaten:
Pre-Release Dates:
10.05.2025 Köln / Jaki
14.05.2025 Berlin / A-Trane
Official Release-Dates:
12.09.2025 Berlin / Donau115
21.09.2025 Lübeck / Waldzimmer
20.03.2026 Frankfurt / Romanfabrik
27.03.2026 Calw / Jazz am Schießberg
Weitere Informationen:
https://www.sandrosaez.com/
OVERSÁEZ
Das Debütalbum: Abstract emotions
VÖ: 13.06.2025
Label: Boomslang Records
Vertrieb: Galileo
Katalognummer: Boom 1887
Formate: Vinyl, digital
UPC LP: 9120011931887
Labelcode: 09496
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